"Energy Only" – der ewi-Blog

Für eine Abwendung oder zumindest Abschwächung der negativen Effekte des Klimawandels ist der Energiesektor ganz besonders gefragt. Da 65% des globalen Energieverbrauchs auf fossilen Energieressourcen basieren, trägt die Energieumwandlung maßgeblich zur Emission von Treibhausgasen und damit einer Intensivierung des Klimawandels bei. Die Politik ist bemüht diese negative Klimawirkung des Energiesektors durch zweierlei Maßnahmentypen einzuschränken: Zum einen soll die Bereitstellung von Energie mit deutlich niedrigeren Treibhausgasemissionen einhergehen und zum anderen soll der Verbrauch von Energie durch höhere Energieproduktivität reduziert werden. Intuitiv verspricht die Inangriffnahme sowohl der Angebots- als auch der Nachfrageseite nach Energie eine deutliche Reduktion der Klimawirkung des Energiesektors.

In den zurückliegenden Jahren sorgten die Maßnahmen auf der Angebotsseite für deutliche Wirkung: der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergieverbrauch in Deutschland stieg von 1,3% in 1990 auf 12,5% in 2015 deutlich an. Diesem Wachstum steht auf der Nachfrageseite eine stagnierende Entwicklung gegenüber. In den Fördervolumen für energieeffizientes Sanieren zeigt sich von 14,6 Mio. € in 2009 auf 13,0 Mio. € in 2014 ein leicht rückläufiger Trend¹. Damit geht auch ein Verfehlen des energiepolitischen Ziels für eine Gebäudesanierungsrate von 2% einher.

Doch warum wird nicht mehr in energieeffizientes Sanieren investiert, gerade wenn zahlreiche Studien solchen Investitionen eine positive Wirtschaftlichkeit zusprechen? Abgesehen von der Vermieter-Mieter-Problematik², geht die Forschung davon aus, dass Heterogenität der Konsumenten sowie asymmetrische Informationsverteilung und Unaufmerksamkeit bezüglich Investitionsoptionen in Energieeffizienz eine zentrale Rolle spielen³. Stellt sich unmittelbar die Anschlussfrage, warum es zu einem solchen Marktversagen bei der Informationsbereitstellung bezüglich Energieeffizienz an Energiekonsumenten kommt: „Warum informieren Energieversorger die Konsumenten nicht über Energieeffizienzoptionen?“. Die intuitive Antwort auf diese Frage lautet natürlich: „Weil die Energieversorger dann weniger Energie verkaufen würden.“. Aus industrieökonomischer Sicht ist die Antwort jedoch nicht ausreichend. Gegeben, dass Energieeffizienzinvestitionen profitabel für die Konsumenten sind und sie nur nicht investieren, weil Sie unzureichende Informationen haben und/oder unaufmerksam diesbezüglich und/oder Mieter und nicht Eigentümer sind, hätte jeder Energieversorger Anreize ein Energieeffizienzprodukt anzubieten und Konsumenten diesbezüglich zu informieren. Der Grund dafür ist, dass ein Energieversorger, der Energieeffizienz anbietet und bewirbt, unaufmerksame Konsumenten⁴ bei der Konkurrenz informiert, potenziell für sein Produkt gewinnt und damit seinen Marktanteil erhöhen kann. Die Konkurrenz kann sich vor dieser Gefahr abnehmender Marktanteile – ähnlich dem berühmten Gefangenendilemma – eigentlich nur schützen, indem sie selbst Energieeffizienz anbietet und bewirbt. Im wettbewerblichen Gleichgewicht sollten also die Energieversorger alle Energieeffizienz anbieten und bewerben, sowie sich damit schlechter stellen. Warum passiert dies also nicht? Dieser Frage wurde im ewi Working Paper 16/06 „Offering Energy Efficiency under Imperfect Competition and Consumer Inattention” auf den Grund gegangen.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die fehlende Diskriminierung der Energieversorger zwischen den (über Energieeffizienz) informierten und unaufmerksamen Konsumenten von zentraler Bedeutung ist, damit Energieversorger Energieeffizienz anbieten und bewerben oder eben nicht. Informierte Konsumenten wissen um Investitionsmöglichkeiten in Energieeffizienz und deren Vorteilhaftigkeit. Damit investieren diese Konsumenten unabhängig von einem Energieeffizienzangebot der Energieversorger und beziehen die Energieeffizienzmaßnahme beispielsweise von einem lokalen Dachdecker oder einem unabhängigen Energieberater. Dies bedeutet einen abnehmenden Energieabsatz aus den informierten Konsumenten für die Energieversorgungsunternehmen. Um diesen Nachfragerückgang zu kompensieren, würden die Energieversorgungsunternehmen gern den Preis erhöhen. Dies könnten die Energieversorger grundsätzlich auch machen, denn die informierten Konsumenten haben nach der Implementierung einer Energieeffizienzmaßnahme eine höhere Zahlungsbereitschaft für Energie, da Sie im Vergleich zu vorher den gleichen Nutzen aus der Energie (bspw. die gleiche Raumwärme) durch geringere Mengen erreichen können. Außerdem ist gegeben der zwar steigenden, aber noch immer vergleichsweise niedrigen Anzahl Anbieterwechsel in der Energieversorgung von imperfekten Wettbewerb unter den Energieversorgern auszugehen. Das Bestreben höhere Preise für Energie zu verlangen wird allerdings von den unaufmerksamen Konsumenten behindert, welche weiterhin eine niedrigere Zahlungsbereitschaft haben und den Preiserhöhungsbestrebungen der Energieversorger somit Grenzen setzen. Es kommt also auf die Verteilung von informierten und unaufmerksamen Konsumenten an. Dabei gilt, je homogener die Konsumenten sind, desto vorteilhafter ist es für die Energieversorgungsunternehmen. Denn gibt es beispielsweise nur wenige informierte Konsumenten, fällt der reduzierte Energieabsatz durch Energieeffizienz nur gering ins Gewicht. Gibt es dagegen sehr viele informierte Konsumenten, wird das Setzen höherer Preise (für die Kompensation geringerer Absatzmengen) von den wenigen unaufmerksamen Konsumenten nur geringfügig begrenzt. Es zeigt sich also eine U-förmige Abhängigkeit der Profite der Energieversorger von der Aufteilung der Konsumenten, wie Abbildung 1 skizziert.
Abbildung1Abbildung 1: Abhängigkeit der Profite der Energieversorger von der Aufteilung der Konsumenten – U-förmiger Verlauf

Wenn es viele unaufmerksame Konsumenten gibt, ist es sodann für Energieversorgungsunternehmen nur vom Vorteil Energieeffizienz zu bewerben und anzubieten, wenn sie dabei mindestens so viele unaufmerksame Konsumenten informieren (und diese danach in Energieeffizienz investieren), dass das Tal der Profitfunktion mindestens überwunden wird, wie Abbildung 2 verdeutlicht.
Abbildung2Abbildung 2: Abhängigkeit der Profite der Energieversorger von der Aufteilung der Konsumenten – Wirkung durch Energieeffizienzwerbung

Dieses Ergebnis impliziert, je weniger Konsumenten nach der Informationsbereitstellung der Energieversorger unaufmerksam sind, desto wahrscheinlicher ist, dass Energieversorgungsunternehmen Energieeffizienz anbieten und aktiv bewerben (und damit das Marktversagen asymmetrischer Information unter den Konsumenten beheben). Das bedeutet des Weiteren, dass je mehr Konsumenten in Mietverhältnissen leben und damit eine Untergrenze für informierte Konsumenten, die in Energieeffizienz investieren können, bilden und je weniger unaufmerksame Konsumenten durch die Informationsbereitstellung über Energieeffizienz informiert werden und anschließend investieren, desto wahrscheinlicher werden Energieversorgungsunternehmen kein neues Geschäftsfeld für Energieeffizienz entwickeln. Letzteres wäre aber nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes wünschenswert, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Denn je weniger Energie durch mehr Effizienz verbraucht wird, desto mehr Kosten werden für Förderung/Erzeugung/Import Erzeugung eingespart.

Ein Blick auf einige Daten legt nahe, dass der hier beschriebene Mechanismus ein Grund für das fehlende Angebot von Energieeffizienz durch Energieversorger sein kann. Beispielsweise lebten in Europa laut Eurostat in 2014 ca. 30% aller Einwohner in einem Mitverhältnis. Damit hat ein deutlicher Anteil der Bevölkerung fehlende Möglichkeiten für Investitionen in Energieeffizienz und stellt einen Sockel für den Anteil unaufmerksamer Konsumenten dar. Berücksichtigt man zusätzlich, dass Untersuchungen zeigen, dass gerade einmal 2%-11% von Konsumenten gegebene Informationen in Ihrem Verhalten berücksichtigen⁵ (also der potenzielle Anteil von unaufmerksamen Konsumenten, die informiert werden), liegt nahe, dass aktuell Energieversorger kaum einen Anreiz haben bzw. wettbewerblichen Druck verspüren Energieeffizienz anzubieten und zu bewerben.

Volkswirtschaftlich ist der Fall also ziemlich eindeutig: Wenn der Markt nicht für die Informationsbereitstellung für Energieeffizienz sorgt, sollte die Politik durch bspw. Informationspflichten Investitionen in Energieeffizienz vorantreiben. Denn je sichtbarer Investitionsoptionen in Energieeffizienz für Konsumenten sind, desto mehr Konsumenten werden unabhängig von Entscheidungen der Energieversorger sich um entsprechende Investitionen bemühen. Dies dient nicht nur dem Klimaschutz sondern auch der Steigerung der Wohlfahrt.

Die zugrundeliegende Analyse mit weitergehenden Ausführungen finden Sie im ewi Working Paper 16/06 „Offering Energy Efficiency under Imperfect Competition and Consumer Inattention”.


¹ KfW Förderreport und DIW Wochenbericht 19-2015

² D.h., der Vermieter hat ggf. nicht ausreichende Anreize in Energieeffizienz zu investieren, da es der Mieter ist, der durch niedrigere Energiekosten von der Investition profitiert.

³ Allcott, Hunt und Greenstone, Michael: “Is There an Energy Efficiency Gap?”, Journal of Economic Perspectives, Volume 26 No.1, 2012

⁴ Unaufmerksame Konsumenten bezeichnen Konsumenten, die aufgrund von Unaufmerksamkeit und/oder asymmetrischer Information keine Kenntnis über Investitionen in Energieeffizienz haben oder als Mieter keine Möglichkeit haben in Energieeffizienz zu investieren.

⁵ McCarthy, R. L., Finnegan, J. P., Krumm-Scott, S., McCarthy, G. E.: “Product information presentation, user behavior, and safety”. Proceedings of the Human Factors and Ergonomics Society Annual Meeting. Vol. 28.