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Mehr Wettbewerb im europäischen Gasmarkt durch Reform der Transportentgelte

Schematische Darstellung des heutigen marktgebietsbasierten Entry-Exit-Systems (MZEE)
Abb. 1: Schematische Darstellung des heutigen marktgebietsbasierten Entry-Exit-Systems (MZEE)

Ziel der Europäischen Energieunion ist eine sichere, bezahlbare und nachhaltige Energieversorgung für die europäischen Endverbraucher. Mindestens zwei dieser Ziele – Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit – könnten durch eine Reform der Entry-Exit-Transportentgelte für europäische Erdgas-Fernleitungsnetze unterstützt werden.

Möchte ein Netznutzer im bisherigen Tarifsystem (Notation MZEE, siehe Abbildung 1) Transportkapazitäten buchen, zahlt er für den möglichen Eintritt von Gasmengen in ein Marktgebiet einen sogenannten Entry-Tarif. Für den Austritt aus dem Marktgebiet, z.B. in ein nachgelagertes Verteilnetz („Domestic Exits“ in Abbildung 1) oder in ein benachbartes Marktgebiet, etwa in ein EU-Nachbarland („EU-IP“ in Abbildung 1) ist ein Exit-Tarif zu entrichten. Entry- und Exit-Tarife sind reguliert und orientieren sich in der Regel an den Vollkosten der Netzbetreiber (TSO).

Transitentgelte auf Vollkostenbasis verzerren den Wettbewerb der Gaslieferoptionen

Die Transportentgelte für Kapazitätsbuchungen von EU-Land A (exit) nach EU-Land B (entry) können als innereuropäische Transitgebühren interpretiert werden. Da sie allerdings die Vollkosten von Gastransport repräsentieren, nicht aber die kurzfristigen Grenzkosten – die nur einen Bruchteil der Vollkosten ausmachen – verzerrt dies das effiziente Marktergebnis. Zahlt ein Shipper statt der kurzfristigen Grenzkosten die Vollkosten als Transit-Entgelt, erhöhen sich seine Lieferkosten, und damit verschlechtert sich seine Wettbewerbsposition. Um also die Wettbewerbsintensität, aber auch die Marktliquidität im Zielland zu erhöhen, sollten lediglich die kurzfristigen Grenzkosten der Transite bepreist werden. Dadurch würden sich aber gleichermaßen zwei Probleme ergeben.

Erstens würden Knappheitssignale bei Kapazitätsengpässen unterdrückt werden, die u.a. notwendig sind für einen effizienten Kapazitätszubau. Dieses Problem ließe sich lösen, indem Transitkapazitäten verauktioniert werden, so dass die Auktion Knappheitssignale offenbaren würde. Im Falle keiner Kapazitätsknappheit würde sich in der Auktion ein Preis nahe der Grenzkosten ergeben. Zweitens würde eine alleinige Reduktion der Transitgebühren von Voll- auf Grenzkosten die Erlösbasis der TSOs verringern, was keinen wirtschaftlichen Netzbetrieb auf Dauer zuließe. Um die Erlösbasis der TSOs unverändert zu lassen, müssten also die fehlenden Einnahmen bei den Transitgebühren an anderen Netzpunkten zurückverdient werden, was die beiden im folgenden vorgestellten Tarif-Modelle ermöglichen könnten.

Modell 1: EU-Exit-Tarifierung (EE)

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Abb. 2: Schematische Darstellung von Modell 1, EU-Exit-Tarifierung (EE)

Im ersten Modell (Notation EE, siehe Abbildung 2) schlagen wir vor, die Kapazitäten an allen Entry-Punkten in die EU sowie den innereuropäischen Grenzübergangspunkten zu verauktionieren. Im Falle von Kapazitätsknappheit würde sich ein entsprechender Preis einstellen, im Falle von Überflusskapazität entspräche der Preis den kurzfristigen Grenzkosten. Der restliche und überwiegende Teil der Erlöse des TSO würde durch dann höhere vollkostenbasierte Tarife an den heimischen Exit-Punkten verdient. Die Höhe der Exit-Tarife sollte die Vollkosten der heimischen Netztransporte sowie möglicher aus Versorgungssicherheitsgründen redundanter Pipelines repräsentieren. Da zusätzlich die Kunden von Land B eine Transitleistung des Netzbetreibers in Land in Anspruch nehmen, sollte der Tarif am heimischen Exit in Land B deren Vollkosten enthalten. Dies bedeutet also, dass es einen Ausgleichsmechanismus der jeweiligen TSOs geben müsste. Das vorgestellte Tarif-Modell hätte den Vorteil, einen direkten Wettbewerb der Gaslieferoptionen zu ermöglichen, indem verschiedene Gaslieferanten unabhängig von ihrer Route durch verschiedene europäische Transitländer nahezu den gleichen Aufschlag für Transportkosten zahlen müssten (im Falle von hinreichend vorhandener Transportkapazität).

Modell 2: EU-Entry-Exit-Tarifierung (EEE)

Schematische Darstellung von Modell 2, EU-Entry-Exit-Tarifierung (EEE)
Abb. 3: Schematische Darstellung von Modell 2, EU-Entry-Exit-Tarifierung (EEE)

Das zweite Modell (Notation EEE, siehe Abbildung 3) sieht vor, ähnlich wie im ersten Modell, die Kapazitäten an den innereuropäischen Grenzübergangspunkten zu verauktionieren, so dass sich ein grenzkostenbasierter bzw. knappheitsbasierter Preis einstellt. Die restlichen Erlöse des TSO würden im EEE-Modell zum Teil an den heimischen Exit-Punkten erwirtschaftet. Die fehlenden Erlöse aus den vermutlich reduzierten Transitentgelten würden an den Entry-Punkten an den Außengrenzen der EU durch vollkostenbasierte Tarife erwirtschaftet (sowie zusätzlicher Auktionserlöse im Falle von Kapazitätsknappheit). Damit die von den entsprechenden TSOs bereitgestellten Transitkapazitäten und –dienste vollständig vergütet werden, erfordert das Modell einen Mechanismus, die an den EU-Entry-Punkten eingesammelten Erlöse an die entsprechenden TSOs umzuverteilen. Auch durch dieses Modell würde der Gas-zu-Gas-Wettbewerb innerhalb des EU-Binnenmarktes verstärkt.

Neugestaltung der Entry-Exit-Tarife intensiviert den Wettbewerb im europäischen Gasmarkt

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Abb. 4: Vereinfachte Darstellung der ökonomischen Wirkungsweise unterschiedlicher Entgelt-Systeme

Ein einfaches ökonomisches Modell illustriert die Wirkungsweise beider Modelle EE und EEE. Abbildung 4 zeigt die Gasnachfrage DEM sowie das Gasangebot (ohne Transportkosten) S. Die blaue Linie illustriert die Gasangebotskurve inklusive Transportkosten im derzeitigen marktgebietsbasierten Tarifsystem (STMZEE). Eine (sicherlich nicht unrealistische) Annahme in diesem Modell ist, dass der günstigere Anbieter auch einen günstigeren Transportweg im aktuellen MZEE-System hat, d.h. geringere Kosten für den Gastransit hat, da er z.B. weniger Marktgebiete durchqueren muss. Die Gesamterlöse aus Netzentgelten entsprechen der Fläche ABCD.

Im Tarif-Modell EE würden die Netzentgelte im Wesentlichen nur noch an den heimischen Exit-Punkten erhoben. Folglich wären im vereinfachten Modell (Abbildung 4) die Transportkosten für alle Anbieter gleich, d.h. STEE verläuft parallel zu S. Die Fläche AEFG repräsentiert die gesamten Netzerlöse, welche identisch sind mit ABCD, d.h. die Netzerlöse der TSO bleiben in beiden Tarif-Modellen identisch. Die Analyse zeigt aber, dass der resultierende Preis pEE geringer ist als pMZEE.

Das Tarif-Modell EEE könnte derart gestaltet werden, dass an den EU-Entry-Punkten, welche von den günstigsten Upstream-Anbieter genutzt werden, die höchsten Entry-Tarife erhoben werden, während die teureren Anbieter geringere Entry-Entgelte zahlen. Diesen Fall veranschaulicht die rote Linie STEEE. Während die gesamten Netzerlöse auch hier unverändert bleiben, d.h. Fläche AHJ entspricht jenen von ABCD und AEFG, ist der Preis pEEE geringer als pEE und pMZEE. In diesem konstruierten Beispiel entspricht der resultierende Preis also jenem Preis, der sich im Markt ohne Transportentgelte einstellen würde (Punkt J). In anderen Worten werden in diesem Beispiel die gesamten Transportkosten durch den reduzierten Gewinn der Produzenten mit niedrigen Kosten getragen, während die europäischen Konsumenten profitieren.

Großer Bedarf an weiterer Forschung

Die bislang sehr vereinfachte Analyse macht deutlich, dass die Verteilung von Netzentgelten auf die jeweiligen Entry- und Exit-Punkte die Wettbewerbssituation auf dem europäischen Gasmarkt entscheidend beeinflussen kann. Verstärkter Wettbewerb durch ein geschicktes Design der Entry- und Exit-Tarife kann Druck auf die Gaspreise ausüben – zum Vorteil der europäischen Energieverbraucher. Dass das Thema höchste Relevanz besitzt, zeigt folgende Rechnung: Bei einem EU-Gasverbrauch von 450 bcm sparen die europäischen Konsumenten bei einer Preisreduktion um 1 EUR/MWh etwa 4,5 bis 5 Milliarden EUR.

Zum jetzigen Zeitpunkt der Diskussion ist allerdings die Wirkung der unterschiedlichen Tarifsysteme auf den Wettbewerb und damit die Preise noch unklar. Ebenso gilt es, die rechtliche, politische und technische Realisierbarkeit der Systeme zu untersuchen. Es ist zudem offen, wie eine Kompensation der TSOs untereinander ausgestaltet werden könnte. Auch die Verteilungseffekte der vorgestellten Tarifsysteme zwischen EU-Mitgliedsstaaten oder Konsumentengruppen sind noch nicht untersucht. Weitere Forschung ist also erforderlich.

ewi ER&S wird sich diesem Thema in den nächsten Monaten verstärkt widmen. Mit den Marktmodellen TIGER und COLUMBUS stehen zwei geeignete Tools zur Verfügung, verschiedene Tarifsysteme und ihre Effekte im europäischen Gasmarkt zu untersuchen.

Eine ausführliche Analyse zum Thema finden Sie im Policy Brief oder in der Pressemitteilung.