"Energy Only" – der ewi-Blog

Am 27. November 2016 stimmen die Schweizer Stimmbürger über die Volksinitiative „für den geordneten Atomausstieg“ ab. Die Volksinitiative fordert das Bau- und Betriebsverbot für neue Atomkraftwerke (AKW) und maximale Laufzeiten von 45 Jahren für bestehende AKW. Dies bedeutet eine Abschaltung der drei Kernreaktoren Beznau-1 (365 MW netto), Beznau-2 (365 MW netto) und Mühleberg (373 MW netto) bis Ende 2017, gefolgt von Gösgen (1010 MW netto) bis Ende 2024 und Leibstadt (1220 MW netto) bis Ende 2029. Damit fordert die Volksinitiative einen festgelegten Atomausstiegsfahrplan, der über das von der Schweizer Regierung vorgeschlagene AKW-Neubauverbot in der Energiestrategie 2050 hinausgeht.

Steigende Stromimporte durch Atomausstieg?
Ein Großteil der Schweizer Debatte dreht sich um mögliche Alternativen zur Kompensation der durch die Abschaltung von Kernkraftwerken wegfallenden Erzeugung. Dabei sind kurz- bis mittelfristig sinkende Stromexporte und steigende Stromimporte aus dem Ausland – je nach Ausbau und Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und sonstiger Kraftwerkskapazitäten in der Schweiz und im Ausland – ein durchaus mögliches Szenario. So konnte im Jahr 2015 aufgrund der außerordentlichen Stillstände der Schweizer AKWs Beznau 1 und 2 sowie Leibstadt eine Reduktion der Nettostromexporte¹ von 5491 GWh (2014) auf 1035 GWh (2015) beobachtet werden. Die Schweiz blieb folglich trotz zeitweiser Nichtverfügbarkeit von drei Kernkraftwerken in Summe übers Jahr Nettostromexporteur. Dies schließt jedoch nicht aus, dass die Schweiz in einzelnen Stunden vermehrt Strom importierte.

Verschlechterung der Klimabilanz?
Die CO2-Bilanz des europäischen Auslands ist mit 558 gCO2/kWh (2013) weit schlechter als die der Schweiz, die mit 51 gCO2/kWh (2014) praktisch CO2-freien Strom produziert. Stromimporte aus dem Ausland könnten demnach durchaus eine Steigerung der CO2-Emissionen des europäischen Stromsektors bewirken. Faktisch würden diese CO2-Emissionen jedoch am Produktionsort bilanziert, also in diesem Szenario nicht der Schweiz. In einem Szenario hingegen, in welchem Schweizer Gaskraftwerke die wegfallende Kernenergieerzeugung ersetzten, würde die Schweizer Klimabilanz tatsächlich leiden, im Falle von erneuerbaren Energien naturgemäß nicht. Für die Lösung des Klimawandels als globales Problem, welches keine Ländergrenzen als Bilanzierungsräume kennt, sind solche nationalen Überlegungen jedoch – abgesehen von positiven Dynamiken in internationalen Klimaverhandlungen – nicht von Bedeutung. Viel eher geht es hier um die Auswirkungen eines Schweizer Atomausstiegs auf die länderübergreifenden Emissionen.

Europäisches Emissionshandelssystem verhindert Verschlechterung der Klimabilanz
Der in der Debatte fehlende und entscheidende Aspekt ist daher, dass sich die sektorenübergreifende Klimabilanz innerhalb des europäischen Emissionshandelssystems (EU ETS), in das auch das Schweizer Emissionshandelssystem in Kürze eingebunden wird, aufgrund der Zertifikats-Obergrenze nicht ändern kann.² Da die Gesamtmenge an Zertifikaten entsprechend der Europäischen Klimaziele limitiert ist, müsste bei steigenden Emissionen im europäischen Stromsektor – in Summe über einige Jahre aufgrund des sogenannten Bankings – an anderer Stelle (zum Beispiel im europäischen Industriesektor) entsprechend weniger emittiert werden. Dieser Zusammenhang würde auch in einem hypothetischen Extremszenario greifen, in dem der gesamte Anstieg der Schweizer Stromimporte aufgrund des Atomausstiegs aus deutschen Kohlekraftwerken kommt. Das Argument, steigende Stromimporte der Schweiz würden die Klimabilanz verschlechtern, ist somit nicht zutreffend, da die europäischen Emissionen im Strom-, Industrie- und Flugverkehrssektor durch das Emissionshandelssystem begrenzt sind.


¹ Nettostromexporte = Exporte – Importe

² Die beiden „Zertifikatsobergrenzen-neutralen“ Maßnahmen der EU (Back-loading und Marktstabilitätsreserve) bewirken nur eine Verschiebung der Allokation über die Zeit.